Zielformat-Architektur & Duale Reproduktion
1. Die Zielstruktur: Die 4-Ebenen-Pyramide
In der wissenschaftlichen Digitalisierung und Editionsphilologie kann kein einzelnes Dateiformat alle praktischen Anforderungen gleichzeitig erfüllen: - Faksimiles sind unverzichtbar für Zitate und Nachweise, aber unbrauchbar auf E-Readern (kein Textfluss). - Fließtext ist ideal für Mobilgeräte und KI, verliert aber das historische Satzbild. - XML garantiert 50+ Jahre Archivsicherheit, ist aber für Menschen schwer lesbar.
AlexandriaSandwich löst dieses Problem durch eine 4-Ebenen-Architektur, in der jedes Buch in einen festen Satz komplementärer Formate überführt wird:
┌───────────────────────────────────────┐
│ 1. Rezeptionsschicht (Endnutzer) │
│ • EPUB 3 (Reflowable E-Reader) │
│ • Digital-PDF (Typst Vektor-Neusatz│
└───────────────────▲───────────────────┘
│ Kompilierung
┌───────────────────┴───────────────────┐
│ 2. Arbeits- & KI-Ebene │
│ • book.md (UTF-8 Plain Markdown) │
└───────────────────▲───────────────────┘
│ Konsolidierung
┌───────────────────┴───────────────────┐
│ 3. Semantische & Archiv-Ebene │
│ • book.json (Single Source of Truth│
│ • tei.xml (TEI-P5 Akademie-Norm) │
└───────────────────▲───────────────────┘
│ OCR & Token-Alignment
┌───────────────────┴───────────────────┐
│ 4. Faksimile- & Beweisebene │
│ • <id>.sandwich.pdf (Scan + Layer) │
│ • <id>.aligned.pdf (KI-synchron) │
└───────────────────────────────────────┘
2. Die einzelnen Zielformate im Detail
1. Faksimile-Ebene: Sandwich-PDF (*.sandwich.pdf / *.aligned.pdf)
- Funktion: Originaltreues, zitierfähiges Dokumentenarchiv.
- Aufbau:
- Oben: Unverändertes 300-DPI-Scanbild (Faksimile) mit historischem Bleisatzbild, Marginalien, Vergilbung und Original-Typographie.
- Unten: Unsichtbarer Vektor-Textlayer mit pixelgenauen Bounding-Box-Koordinaten für jedes Wort.
- Post-Assembly Textlayer-Korrektur (KI-Synchronisation): Der unsichtbare Textlayer wird mit der semantischen Erkennung von Mistral OCR synchronisiert. Erkennungsfehler und Rausch-Halluzinationen (z. B. auf gepunkteten Leitlinien) werden bereinigt, während die exakten Pixel-Koordinaten des Originaldrucks erhalten bleiben (
*.aligned.pdf).
2. Maschinenlesbare "Single Source of Truth": book.json (AST)
- Funktion: Zentrales, softwareunabhängiges Zwischenformat.
- Aufbau: Hierarchischer Abstract Syntax Tree (AST), der Metadaten, Seiten, Absätze, Überschriften, Token-Listen, Konfidenzen und Bounding-Boxes (
[ymin, xmin, ymax, xmax]) vereint. - Bedeutung: Aus dieser Datei kann jederzeit per Skript jedes neue Zielformat (HTML, EPUB, Typst, LaTeX, SQL-Datenbanken) ohne erneuten OCR-Lauf erzeugt werden.
3. Philologischer Akademie-Standard: tei.xml (TEI-P5)
- Funktion: Globale Langzeitarchivierung (50+ Jahre) und Schnittstelle zu Bibliotheken und Digital-Humanities-Repositorien (DTA, SARIT, Perseus).
- Aufbau: Streng valides TEI-P5 XML mit
<teiHeader>, Faksimile-Verknüpfung (<surface>,<zone>) und semantischem Textkörper (<body>,<div n="..." type="...">,<p>,<table>).
4. Text- & KI-Ebene: book.md (UTF-8 Markdown)
- Funktion: Unmittelbare Bearbeitung, Versionskontrolle und Sprachmodell-Verarbeitung.
- Aufbau: Reines UTF-8 Markdown ohne proprietären Ballast.
- Einsatz:
- Direkte Versionierung in Git mit zeilenweisen Diffs (
git diff). - Optimale Eingabe für Retrieval-Augmented Generation (RAG), Vektor-Datenbanken und Volltext-Suchwerkzeuge (
grep).
5. Rezeptions- & Lese-Ebene: *.epub (EPUB 3) & *.digital.pdf
- Funktion: Optimale Rezeption durch den Menschen auf modernen Lesegeräten.
- EPUB 3: Dynamischer Textfluss (Reflow) für E-Reader (Tolino, Kindle, Kobo, iPad) mit eingebetteten Unicode-Schriften für Devanagari (Noto Serif Devanagari) und IAST-Transliteration (Linux Libertine / Charis SIL).
- Digital-PDF (Typst): Gestochen scharf gerenderter Vektor-Neusatz für hochwertigen Druck.
3. Die Dualität: Original reproduzieren vs. Neu layouten
Durch die strikte Trennung von Bilddaten, geometrischen Koordinaten und semantischem Text ermöglicht die Pipeline zwei gegensätzliche Publikationsstrategien:
┌──────────────────┐
│ Rohscan / Quelle │
└────────┬─────────┘
│
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▼ ▼
[ STRATEGIE 1: REPRODUKTION ] [ STRATEGIE 2: NEULAYOUT ]
• Pixelgenaues Sandwich-PDF • Reflowable EPUB 3
• Vektor-Nachsatz via bbox • Responsive HTML / Web
• Erhalt historischer Typen • Großformatiges Arbeitsbuch (Typst)
• Zitate nach Original-Seiten • Variable Schriftgrößen / Dark Mode
Strategie 1: Reproduktion des Originallayouts
- Als KI-synchronisiertes Faksimile (
*.aligned.pdf): - Das historische Druckbild bleibt 1:1 sichtbar. Zeilenumbrüche, Trennstriche, Schriftsetzerfehler, Ligaturen und Fußnotenpositionen bleiben identisch zum Originalexemplar der Bibliothek.
- Als geometrischer Vektor-Nachsatz:
- Da in
book.jsonfür jedes Wort und jede Zeile die geometrische Position (bbox), Zeilenabstände und Schriftgrößen hinterlegt sind, kann das Original-Layout mathematisch exakt mit modernen Vektorschriften neu gesetzt werden (identischer Satzspiegel, aber ohne Scan-Körnigkeit).
Strategie 2: Völliges Neulayouten des Inhalts
- Fließendes E-Reader-Buch (EPUB 3):
- Der semantische Text fließt frei. Auf kleinen Bildschirmen passt sich der Zeilenumbruch an; Schriftart, Kontrast und Zeilenhöhe werden vom Leser bestimmt.
- Neues Print-Format (z. B. Studien-Arbeitsbuch via Typst):
- Aus dem konsolidierten Text (
book.json/book.md) wird auf Knopfdruck ein neues Werk generiert:- Formatwechsel (z. B. von historischem Klein-Oktav zu DIN A4 oder ISO-B5).
- Großzügiger Korrekturrand für studentische Notizen.
- Moderne Typographie (z. B. Linux Libertine O + Noto Serif Devanagari).
- Parallele Synopsen (Originaltext links, deutsche Übersetzung rechts).
4. Semantischer Neusatz vs. Reverse-Layout-Rekonstruktion (Das Böhtlingk- & Dhātupāṭha-Modell)
Aus den praktischen Fallstudien (Böhtlingk 1887 und Dhātu-Pāṭha) leitet sich eine zentrale editionsphilologische Erkenntnis für die AlexandriaSandwich-Architektur ab:
4.1 Warum blindes "Reverse-Layout" scheitert
Versucht eine Pipeline, aus rohem, unstrukturiertem OCR-Fließtext das visuelle Seitenbild eines komplexen Werkes krampfhaft Seite für Seite geometrisch nachzubauen, scheitert der typografische Vektorneusatz: * Serialisierungsverlust: Eine OCR-Engine liest mehrspaltige Tabellenwerke (z. B. Wurzelspalte links, Bedeutungsspalte rechts) sequentiell aus. Die 2D-Tabellenflucht wird zu einem flachen 1D-Fließtext reduziert. * Layout-Raten: Typst muss ohne semantisches Modell raten, wo Spalten brechen, wodurch optische Unwuchten, asymmetrische Satzspiegel oder Zeilenüberläufe entstehen („digitalisiert, aber ohne Layout“).
4.2 Die Lösung: Die 3 Säulen der Dual-Path-Architektur
- Pfad 1: Die Faksimile-Garantie (
*.perfect_sandwich.pdf) - Das hochauflösende Originalscanbild bleibt zu 100 % erhalten.
- Der OCR-Text wird unsichtbar an exakten Bounding-Box-Koordinaten als Suchlayer projiziert (PDF Text Rendering Mode 3).
-
Garantie: 100 % Original-Layout, 0 % Layout-Risiko, absolute historische Zitierfähigkeit.
-
Pfad 2: Universelles Kanonisches Ground-Truth-Alignment (
scripts/align_canonical.py) - Anstatt den Scan blind rein geometrisch nachzuahmen, wird der extrahierte OCR-Text per Sequence-Matching und Fuzzy-Vergleich gegen eine maschinenlesbare Referenzdatenbank (z. B. 3.997 Sūtras in
sutras.jsonoder 2.259 Wurzeln indhatupatha_canonical.json) abgeglichen. - OCR-Erkennungsfehler auf beschädigten historischen Bleisatzlettern werden automatisch repariert, Auslassungen protokolliert und das Werk in eine strukturierte Master-JSON überführt.
-
Bibliotheks-Wasserzeichen, Scanbalken und Störzeichen fremder Alphabete (Hebräisch/Telugu-Drift auf feinen Diakritika) werden über deklarative Heuristiken (
strip_library_boilerplates,strip_rogue_scripts) bereinigt. -
Pfad 3: Direkte IIIF-Integration & Faksimile-Verknüpfung (
scripts/import_iiif.py) - Vollständiger Import digitaler Sammlungen über IIIF Presentation API v2 und v3 (UB Heidelberg, British Library, BnF Gallica, BSB München).
- Direkte Verknüpfung aller Seiten im TEI-P5-Dokument (
<pb n="..." facs="..."/>) mit kanonischen IIIF-Bild-URIs. -
Deklarative Profilkonfiguration via
job.config.json(iiif_manifest,iiif_template). -
Layout-Treue zum Original durch sektionsspezifische Typografie
- Kein starres globales 2-Spalten-Zwangskorsett über das gesamte Buch:
- Front Matter (Vorwort, Einleitung): Einspaltiger, eleganter Fließtext mit Originalabsätzen und Randverweisen auf die Originalscans (
[S. 6]). - Hauptteil (Wörterbuch/Tabellen): Zweispaltiger Satz mit vertikalem Trennstrich (
grid.vline) und zentrierten Kolophonen (typeset_mode: dictionary_grid). - Back Matter (Register/Anhänge): Strukturgetreue Darstellung der historischen Verzeichnisse.
- Hermetisches Font-Vendoring: Unterstützung lokaler OpenType-Schriften via
--font-path(Priorisierung vonNoto Serif DevanagariundLinux Libertine O).
- Front Matter (Vorwort, Einleitung): Einspaltiger, eleganter Fließtext mit Originalabsätzen und Randverweisen auf die Originalscans (
5. Standard-Ordnerstruktur pro Buch
Jedes von AlexandriaSandwich verarbeitete Werk erzeugt die folgende einheitliche Ordnerstruktur:
output/books/<buch_id>/
├── <buch_id>.sandwich.pdf # 1:1 Faksimile + Tesseract Textlayer
├── <buch_id>.perfect_sandwich.pdf # Restauriertes Faksimile + optimierter Mistral-Textlayer
├── <buch_id>.typeset_edition.pdf # Semantische Vektor-Neuedition via Typst (Böhtlingk-Standard)
├── <buch_id>.digital.pdf # 1:1 Page-Concordance Digital-PDF
├── <buch_id>.epub # Reflowable eBook mit eingebetteten Schriften
├── <buch_id>.tei.xml # TEI-P5 Langzeitarchiv-XML
├── book.json # Vollständiger semantischer Syntaxbaum (AST)
└── book.md # Konsolidierter UTF-8 Markdown-Volltext