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Fallstudie & Verfahrensdokumentation: Pāṇinīya-Dhātupāṭha (Böhtlingk-Standard) ​

Kanonische Ground-Truth, bilinguale Facing-Page-Alignment-Pipeline und hybride Typst-Vektorneuedition für 2.259 Verbalwurzeln auf 410 Buchseiten.

Dieses Projekt ist eine Referenz-Fallstudie (Case Study) zur Buch-Digitalisierungs-Pipeline AlexandriaSandwich im Verbund mit dem Referenzprojekt boethlingk.


1. Ausgangslage & Die Kernfrage ​

1.1 Das Phänomen: „Digitalisiert aber ohne Layout“ vs. „Digitalisiert UND Original-Layout“ ​

Bei der Digitalisierung des Dhātu-Pāṭha (traditionelles Pāṇinīya-Wurzelverzeichnis) trat ein Phänomen zutage, das für historische Fachliteratur typisch ist:

  • Das Schwesterprojekt Otto von Böhtlingk (1887) erzeugte durch kanonisches Sūtra-Alignment ein Buchergebnis mit voller Layouttreue und gestochen scharfem Satzbild („digitalisiert UND Original-Layout“).
  • Der Dhātu-Pāṭha erschien nach einem rein OCR-gestützten Neusatzversuch unstrukturiert: Tabellarische Wurzelspalten brachen auseinander, grammatische Bedeutungen flossen in Absätze zusammen („digitalisiert, aber ohne Layout“).

Die Klärung der Ursachen und die Übertragung des Böhtlingk-Standards auf den Dhātu-Pāṭha führten zu grundlegenden Erkenntnissen für die gesamte Editionsarchitektur.

1.2 Die Struktur des historischen Ausgangswerkes ​

Das 410-seitige Werk weist eine komplexe zweifache Binnenstruktur auf:

  1. Sektionsstruktur:
    • Front Matter (S. 1–25): Rein einspaltiger Fließtext (Vorwort, grammatische Einführung, Lautgesetze, Erläuterung der It-Marker) in zusammenhängenden Absätzen.
    • Hauptteil (S. 26–285): Streng zweispaltiges Wörterbuch- und Tabellenlayout der 10 Gaṇas (Wurzelklassen von Bhvādi bis Curādi).
    • Back Matter (S. 286–410): Register, Indizes und Anhangstabellen.
  2. Bilinguale Gegenüberstellung (Facing Pages):
    • Ungerade Seiten (rechts): Primärer Sanskrit-Text in Devanāgarī mit traditionellen Aupadeśika-Markern und Lokativ-Bedeutungen (arthas).
    • Gerade Seiten (links): Gegenüberliegende wissenschaftliche Transliteration (IAST) mit englischer Übersetzung und grammatischen Attributen (Pada, Seṭ/Aniṭ, Sakarmaka/Akarmaka).

2. Ursachenanalyse: Warum blindes „Reverse-Layout“ scheitert ​

Der Versuch, aus rohem OCR-Volltext das Original-Layout rein regelbasiert oder statistisch Seite für Seite zu rekonstruieren, scheitert an zwei strukturellen Hürden:

text
[Roher OCR-Datenstrom] ──► Sequentielles Auslesen (1D)
                                  │
         ┌────────────────────────┴────────────────────────┐
         ▼                                                 ▼
[Problem 1: Serialisierungsverlust]              [Problem 2: Layout-Zwang]
Zweispaltige Wurzel/Bedeutung-Flucht             Ein globales 2-Spalten-Layout
wird zu flachem 1D-Fließtext reduziert.          zerstört das 1-spaltige Vorwort;
Typst muss Spaltenbrüche raten.                  1-Spalten-Layout zerstört das Lexikon.
  1. Serialisierungsverlust: OCR-Engines lesen Textblöcke primär linear aus. Bei mehrspaltigen Wörterbüchern werden Wurzeln und ihre zugehörigen Übersetzungen zeilenweise vermischt oder in falscher Reihenfolge serialisiert.
  2. Globaler Layout-Zwang: Wird dem Satzgenerator (Typst) ein starres Spaltenmodell verordnet, entsteht entweder im Vorwort unleserlicher Schmalspaltensatz oder im Hauptteil ein unübersichtlicher Fließtext ohne Spaltentrennung.

3. Die Lösung: Der 4-Säulen-Böhtlingk-Standard ​

Um maximale visuelle und philologische Treue zu erzielen, trennt das Projekt strikt zwischen dem Faksimile-Erhalt und der semantisch geführten Neuedition:

text
                              ┌──────────────────────┐
                              │  Rohscans / Quelle   │
                              └──────────┬───────────┘
                                         │
                 ┌───────────────────────┴───────────────────────┐
                 ▼                                               ▼
   [ SÄULE 1: FAKSIMILE-GARANTIE ]                [ SÄULE 2: KANONISCHES ALIGNMENT ]
   • 1:1 unveränderte Scan-Pixel                  • Abgleich gegen dhatupatha_canonical.json
   • Unsichtbarer Bbox-Textlayer                  • Bilinguale 10-Gaṇa-Statusmaschine
   • Dhatu-patha.perfect_sandwich.pdf             • 100 % lückenloses dhatupatha_complete.json
                                                                 │
                                                                 ▼
   [ SÄULE 4: HERMETISCHES FONT-DEPLOY ]          [ SÄULE 3: TYPST-VEKTORNEUEDITION ]
   • data/fonts/ (Noto + Libertine)               • S. 1–25:  1-Spalten Fließtext
   • APT fonts-noto-extra auf Linux               • S. 26–285: 2-Spalten-Gitter mit grid.vline
   • Null Tofu-Zeichen (?)                        • Marginal-Konkordanz: [S. 26]

Säule 1: Die Faksimile-Garantie (*.perfect_sandwich.pdf) ​

  • Die 410 Originalscans bleiben unverändert und pixelgenau als Bildschicht erhalten.
  • Der bereinigte Volltext liegt unsichtbar (PDF Text Rendering Mode 3) exakt auf den Bounding-Boxen der historischen Druckzeilen.
  • Garantie: 100 % historische Beweiskraft, 0 % Layout-Risiko, vollständige Volltext-Durchsuchbarkeit.

Säule 2: Kanonische Ground-Truth & Bilinguales Facing-Page-Alignment ​

Anstatt den unvollkommenen OCR-Text blind zu setzen, wird er über eine zweistufige Pipeline semantisch kuratiert:

  1. Kanonische Referenzdatenbank (scripts/build_dhatupatha_groundtruth.py):
    • Erzeugt data/dhatupatha_canonical.json (2.259 Wurzeln über alle 10 Gaṇas).
    • Enthält kanonische Devanāgarī, IAST, Aupadeśika-It-Marker (z. B. टु, डु, इर्), Sanskrit-Bedeutungen im Lokativ (भू सत्तायाम्), englische Übersetzungen und Pāṇinīya-Klassifikationen.
  2. Bilinguale Alignment-Engine (scripts/align_dhatupatha.py):
    • Da der Druck gegenüberliegende Seiten nutzt (ungerade Devanāgarī, gerade IAST), gleicht die Statusmaschine die Erkennung gegen beide Schriftsysteme parallel ab.
    • Unleserliche Devanāgarī-Ligaturen werden durch die lateinische Transliteration der Gegenseite verifiziert und umgekehrt.
    • Ergebnis: data/dhatupatha_complete.json (100 % lückenloser Masterkatalog, vollständig mit den Original-Seitenzahlen verknüpft).

Säule 3: Sektionsspezifische Layouttreue in Typst (scripts/build_typeset_edition.py) ​

Die Vektorneuedition passt ihr Layout dynamisch an die logischen Abschnitte des Werkes an:

  • Front Matter (S. 1–25):
    • Einspaltiger, eleganter Fließtext in Standardbreite.
    • Erhalt der originalen Absätze, Paragraphen und Gliederungspunkte.
    • Randnotizen mit Scan-Konkordanz ([S. 6], [S. 11]).
  • Hauptteil / Wörterbuch (S. 26–285):
    • Zweispaltiges Tabellengitter mit vertikaler Trennlinie (grid.vline).
    • Zentrierte Gaṇa-Kopfzeilen (z. B. 1. Bhvādigaṇaḥ / भ्वादिगणः).
    • Fette Devanāgarī-Wurzel mit Akzenten, daneben kursive IAST-Umschrift, Lokativ-Bedeutung und englische Übersetzung.
    • Marginalien zur schnellen Orientierung ([S. 26]).
  • Lebende Kolumnentitel (Running Headers):
    • Dynamischer Typst-Header: Gerade Seiten tragen den Buchtitel; ungerade Seiten zeigen den aktuellen Gaṇa-Namen und die Seitenzahl.

Säule 4: Cross-Platform Font-Vendoring & Linux-Tofu-Fix ​

Ein kritischer Befund bei der Portierung von macOS auf Linux-Produktionsserver:

  • Das Problem: Unter macOS renderte Typst fehlerfrei, da macOS indische Systemschriften vorhält (Devanagari MT, Kohinoor Devanagari). Im Linux-Worker-Container erschienen jedoch alle Devanāgarī-Zeichen als Fragezeichen in Kästchen (?, Tofu).
  • Die Lösung:
    1. Hermetisches Font-Vendoring: Open-Source-Schriften liegen direkt im Repository unter data/fonts/:
      • NotoSerifDevanagari-Regular.ttf & NotoSerifDevanagari-Bold.ttf
      • LinLibertine_R.otf, LinLibertine_RB.otf, LinLibertine_RI.otf
    2. Automatischer Font-Pfad: Übergabe von --font-path data/fonts beim Typst-Aufruf.
    3. Universelle Schriftkaskade:
      typst
      #set text(
        font: ("Linux Libertine O", "Baskerville", "Times New Roman", "Noto Serif Devanagari", "Devanagari MT", "Kohinoor Devanagari"),
        size: 10pt,
        lang: "de"
      )

4. Validierung & Ergebnisse ​

EigenschaftRoher OCR-Neusatz (initial)Böhtlingk-Standard (dhatupatha)
Faksimile-EbeneFehlend oder ungenau100 % 1:1 Scan-Faksimile (*.perfect_sandwich.pdf)
Layout Front MatterFälschlich 2-spaltig gequetscht1-spaltiger eleganter Fließtext mit Scan-Referenzen
Layout Wörterbuch1-spaltig vermischt2-spaltiges Gitter mit grid.vline & Gaṇa-Hierarchie
Wurzelbestand~1.850 Fragmente mit OCR-Fehlern2.259 Wurzeln (100 % lückenlos, 0 Duplikate)
Devanāgarī-RenderingTofu-Fragezeichen (?) auf Linux100 % saubere Vektorglyphen (Noto Serif Devanagari)
KompilierungszeitMehrere Minuten~2,4 Sekunden für 229 Seiten (Typst 0.11.1)
Dateigröße NeusatzUnbereinigt2,96 MB Vektor-PDF (durchsuchbar, gestochen scharf)
ZitierfähigkeitSeitenbezug ging verlorenMarginal-Konkordanz [S. XX] auf jeder Seite

5. Autarker QA-Viewer (viewer.html) ​

Für die philologische Revision und dauerhafte Prüfung wurde viewer.html nach dem Payer Global Web Editor Standard implementiert:

  • Split-Pane: Links Kontext und philologische Parameter (mit Scan-Seitenzahl [S. XX]), rechts der strukturierte Wurzel-Editor.
  • Snippet-Toolbar: Direkte Schaltflächen für Dandas (॥, ।, ऽ, °), Akzentzeichen (॑, ॒) und alle IAST-Diakritika (ā, ī, ū, ṛ, ñ, ṭ, ḍ, ṇ, ś, ṣ).
  • Silent Auto-Repair on Save: Beim Speichern (⌘S / Ctrl+S) werden Pipes (||) lautlos zu Dandas (॥) gewandelt, doppelte Leerzeichen normalisiert und fehlerhafte Steuerzeichen entfernt. Visuelle Rückmeldung erfolgt unaufdringlich durch kurzes Gelb-Blinken der Schaltfläche ohne Modal-Popups.
  • Local Storage First & File System Access API: Ermöglicht direktes lokales Speichern in data/dhatupatha_complete.json.

6. Zusammenfassendes Fazit ​

Die Qualität des Endprodukts entsteht nicht durch den Versuch, ein gedrucktes Layout aus unstrukturiertem OCR-Text „rückwärts zu erraten“ (Reverse-Layout), sondern durch das Zusammenspiel zweier autarker Pfade:

  1. Das Sandwich-PDF archiviert und schützt das historische Originalbild mit absoluter 1:1-Treue.
  2. Die Typst-Neuedition baut auf einer kanonisch verifizierten Datenbasis auf und wendet professionelle typografische Regeln sektionsspezifisch an.

Kanonische digitale Neuedition nach dem Böhtlingk-Standard · Birchville Scholarly Synthesis